Wochen der afrikanischen Diaspora

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„BLACK HISTORY WEEKS“

(Wochen der afrikanischen Diaspora und ihrer Geschichte) —
Erlangen, 19. September 2015 – 6.Oktober 2015 —

Dr. Pierrette Herzberger-Fofana
Dr. Pierrette Herzberger-Fofana

Die ersten „Black History Weeks“ in Erlangen präsentieren eine Reihe von Veranstaltungen zur Geschichte und Bedeutung der afrikanischen Diaspora in Deutschland und darüber hinaus. Der Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf dem Ende des Zweiten Weltkriegs und auf der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Erfahrungen schwarzer beziehungsweise afrikanischer Gefangener in den Konzentrationslagern werden dabei ebenso beleuchtet wie die Rolle der afroamerikanischen GIs in Deutschland. Darüber hinaus werden in Vorträgen, Lesungen und Filmvorführungen Themen aus der Geschichte Europas und Afrikas diskutiert und damit der Blick auch auf andere Länder und Regionen gerichtet. Welche Rolle spielt die deutsche Kolonialgeschichte in der Erinnerungskultur für die vielen Migrantinnen und Migranten? Wie gehen sie damit um, wenn ein Teil ihrer Geschichte in Vergessenheit geraten ist und schlicht aus dem kollektiven Bewusstsein ausgeblendet ist? Warum finden viele Schicksale dieser Zeitzeugen Nazi- Deutschlands keine Erwähnung in Schul- und Geschichtsbüchern? Was bedeutet eine Gedenkkultur in Deutschland heutzutage für die vielen Migrantinnen und Migranten, die Mitglieder dieser Gesellschaft sind?

Über den „Black History Month“

Cheikh Anta Diop
Professor Cheikh Anta Diop

Jedes Jahr wird in zahlreichen Ländern der Black History Month“ gefeiert. Diese Tradition geht auf den Historiker Carter G.Woodson (1875-1950) zurück, der 1926 eine Veranstaltungsreihe initiierte, um die breite Öffentlichkeit in den USA über Schwarze Geschichte und die kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leistungen der afroamerikanischen Bevölkerung aufzuklären. Heute wird der „Black History Month“ (BHM) weltweit in vielen Ländern und Städten meist im Februar veranstaltet. Der erste „BHM“ in Deutschland wurde 1990 von der „Initiative Schwarze Menschen“. (ISD) in Hamburg organisiert und sollte die Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland sichtbar machen. Der afrikanische und afrodiasporische Widerstand gegen Versklavung und Kolonialismus, gegen Segregation und Apartheid kennt unzählige Gesichter, Gedenkjahre und-tage, Geschichten, Bewegungen und Namen, die in Vergessenheit geraten sind. Cheikh Anta Diop (1923-1986) ist einer der Hauptvertreter des Afrozentrismus und gilt als einer der bekanntesten Ägyptologen. Er entwickelte die Hypothese, dass die alten Ägypter Schwarzafrikaner gewesen seien und dass die von ihnen geschaffene Hochkultur eine originär afrikanische Zivilisation darstelle.1955 publizierte Anta Diop seine Dissertation über seine Hypothese unter dem Titel „Nations nègres et culture“ („Schwarze Nationen und Kultur“). Dies machte ihn

Dr. Carter G. Woodson
Dr. Carter G. Woodson

zu einem der umstrittensten Historiker seiner Zeit. Seiner Ansicht nach begann der Kontakt zwischen Afrika und Europa nicht erst im 18. Jahrhundert, sondern bereits Jahrhunderte vorher; unter anderem sei die Anwesenheit afrikanischer Gelehrter in Europa bereits sehr früh belegt. Bis Nelson Mandela im Jahre 1994 als erster demokratisch gewählter Präsident Südafrikas die Apartheid gesetzlich  in seinem Land abschaffte,  sollten mehr als 100 lange Jahre vergehen. Die Erinnerung an ein Jahrhundert, in dem Kinder, Frauen und Männer afrikanischer Herkunft häufig unter Einsatz ihres Lebens auf dem afrikanischen Kontinent, in Nord-Amerika und der Karibik für ihre Freiheit und ihre Gleichberechtigung kämpften, soll deshalb durch den „Black History Month“ wach gehalten werden.

Programm

„Die Vergessenen der Geschichte. Afrodeutsche Zeitzeugin und Zeitzeugen des Dritten Reichs“.
Samstag, 19. September 2015, 18.00 Uhr — Stadtbibliothek, Innenhof
Theodor_MichaelZum ersten Mal werden diese drei Überlebenden Opfer der Nazi-Zeit über ihre Erfahrungen sprechen und aus ihren Biographien lesen. Gert Schramm und Theodor Michael verbrachten Zeitspannen im KZ und Marie Nejar musste auf Anweisung von Joseph Goebbels in rassistischen Propaganda-Filmen spielen. Über die Geschichte schwarzer Kriegshäftlinge in deutschen Konzentrationslagern ist nur wenig bekannt. Wie hat sich der Lebensalltag dieser Menschen hinter Gittern und Stacheldrahtzaun gestaltet? Wie war das Leben für die Schwarzen Menschen während der Nazi-Herrschaft?
Moderation: Dr. Pierrette Herzberger-Fofana

Theodor Michael,Deutsch sein und Schwarz dazu. Erinnerungen eines Afro-Deutschen„,  Spiegelbestseller — Geboren am 15. Januar 1925 in Berlin. Als sein Vater vor dem ersten Weltkrieg nach Deutschland kam, war Kamerun „deutsches Schutzgebiet“ und Afrikaner wurden freundlich aufgenommen. Doch bereits in der Weimarer Republik fanden sie nur noch Arbeit in den sogenannten „Völkerschauen“. In der Nazizeit landeten sie im KZ oder in Arbeitslagern. Theodor Michael hat alles überstanden, dann nach Kriegsende feststellen müssen, dass er der Kollaboration verdächtigt wurde, weil er überlebt hatte. Damals hätte er sich nicht träumen lassen, dass er einmal als Regierungsdirektor beim BND in den Ruhestand gehen würde.

Marie Nejar
Marie Nejar

Marie Nejar alias „Leila Negra“, „Mach nicht so traurige Augen, weil du ein Negerlein bist: Meine Jugend im Dritten Reich“ — Marie Nejar, geboren am 20.März 1930 in Mühlheim an der Ruhr, wuchs in Hamburg auf. Das Mädchen, das „Leila Negra“ genannt wurde, musste in NS-Propagandafilmen mitspielen. In der Nachkriegszeit war sie eine berühmte Sängerin und machte mehrere Tourneen als „Leila Negra“ durchs Land. Danach fing sie eine Ausbildung als Krankenschwester an. Sie übte ihren Beruf bis zu ihrer Pensionierung aus.

Gert Schramm
Gert Schramm

Gert Schramm, „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann.  Mein Leben in Deutschland“ — Geboren am 25. November 1928 in Erfurt. Er war nach dem Kriegsende Dolmetscher bei der Sowjetischen Militäradministration, dann Bergmann in Frankreich, und schließlich alsTaxiunternehmer in der ehemaligen DDR. Mit 14 Jahren war Gert Schramm der einzige schwarze Häftling unter den weißen Deutschen im KZ Buchenwald, wo er zwei Jahre lang inhaftiert war. Er überlebte aufgrund der Courage von Mithäftlingen. Seit er nach der Wende von Neonazis bedroht wurde, engagiert er sich in Aufklärungsarbeit gegen Rechtsextremismus. Am 25. April 2014 erhielt Gert Schramm das Bundesverdienstkreuz.

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Dr. Pierrette Herzberger-Fofana
Das Massaker an den afrikanischen Truppen in Frankreich durch die Wehrmacht im Juni 1940 und das Feldlager von Thiaroye im Dezember 1944 – Dienstag, 22. 9. 2015, 19 Uhr 30 — Stadtbibliothek, Bürgersaal, 2.OG.

Afrikanische Truppen im zweiten Weltkrieg
Afrikanische Truppen im Zweiten Weltkrieg

Bei Kämpfen nördlich von Lyon vom 18  bis zum 20. Juni 1940 nahmen die Deutschen (Wehrmacht und Waffen-SS) französische Soldaten gefangen. Die Afrikaner mussten sich mit erhobenen Händen an einem Feldrand aufstellen, dann wurden sie hinterrücks erschossen. 188 Soldaten wurden am 19. Juni 1940 von der Wehrmacht massakriert. Am 1. Dezember 1944 massakrierte die französische Regierung die rückkehrenden Kolonialtruppen, weil sie gewagt hatten, ihr zustehendes Sold zu verlangen. Das war der Dank des „Mutterlandes Frankreich“ für die Teilnahme der afrikanischenTruppen am Zweiten Weltkrieg.

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Katharina Oguntoye, M.A. , Historikerin und Autorin.

Katharina Oguntoye, M.A.
Katharina Oguntoye, M.A.

„Black Survivors of Holocaust”. Film von M. Shewa u. D. Okuefuna, 1997, Englisch, 90 Minuten.
Samstag, 26. September 2015, 19 Uhr —   E-Werk-Kino
Wie das Leben der schwarzen Menschen in Deutschland während der Nazi-Diktatur aussah, was sie erduldet und erlitten haben, davon wissen die meisten Deutschen nichts. Die BBC-Dokumentation „Black Survivors of the Holocaust“ bringt diese Wirklichkeit in Interviews und raren Originalfilm- Dokumenten ans Licht. Der Regisseur David Okuefuna und der Produzent Moise Shewa (Afro-Wisdom Productions) haben mit einer hervorragenden Recherche ihrerseits ein Filmdokument von unschätzbarem Wert geschaffen, in dem sie für nachfolgende Generationen die Stimmen von Überlebenden und Nachkommen festgehalten haben. Frau Oguntoye ist die Mitautorin und Mitherausgeberin des ersten Buches zu Afro-Deutschen: „Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte„, Berlin 1986. Sie leitet heute den interkulturellen Verein Joliba e.V. in Berlin. Frau Oguntoye steht im Anschluss an die Filmvorführung für die Beantwortung von Fragen beziehungsweise für Diskussionen gerne zur Verfügung.

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Dr. Katharina Gerund,  Amerikanistin —  FAU Erlangen-Nürnberg.

Dr. Katharina Gerund
Dr. Katharina Gerund

„ Ein Atemzug der Freiheit?“ Afro-amerikanische Soldaten im Nachkriegsdeutschland.
Dienstag, 29. September  2015, 19 Uhr 30 — Stadtbibliothek, Bürgersaal, 2.OG.
Der Vortrag skizziert Berichte afro-amerikanischer Soldaten über ihre Erfahrungen im Nachkriegsdeutschland. Für sie ging es im Zweiten Weltkrieg um einen „doppelten Sieg“: gegen den Faschismus in Europa und gegen den Rassismus in den USA. Wie haben sie ihren Kriegseinsatz und ihre Zeit in Deutschland erlebt? Welche Rolle spielten diese Erfahrungen für die Bürgerrechtsbewegung in den USA? Gleichzeitig beleuchtet der Vortrag auch deutsche Reaktionen auf die schwarzen GIs und erkundet deren Bedeutung im kollektiven Gedächtnis (West-) Deutschlands.

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Dr. Pierrette Herzberger-Fofana

Fasia Jansen
Fasia Jansen

Fasia Jansen (1929-1997) – eine engagierte Liedermacherin der Nachkriegszeit
Freitag 2. Oktober 2015 , 19 Uhr 30 — Stadtbibliothek, Bürgersaal, 2.OG.
Meine Kindheit lag in der Nazi-Zeit. Man muss wohl nicht kommentieren, was es bedeutet hat, nicht arisch zu sein, denn auch die Schwarzen fielen unter die Rassengesetze. Ich stamme aus einer einfachen Hamburger Familie. Mein Vater war der Generalkonsul von Liberia, aber den habe ich nicht wirklich kennen gelernt. Meine Mutter heiratete 1936 einen Arbeiter. Der war Sozialist, ein politisch bewusster Mensch und hat mich sehr geprägt und unterstützt…Ich wurde von den Nazis dienstverpflichtet und arbeitete in einer Barackenküche des KZs Neuengamme[…] Meine Lieder waren und sind für mich ein Mittel, mich am Leben zu halten und meine Würde als Frau, als schwarze Frau zu behaupten.Fasia Jansen ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und Trägerin der Ehrennadel der Stadt Oberhausen.

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Israel Kaunatjike
Israel Kaunatjike

Israel Kaunatjike, Herero – Aktivist.
Namibia. 100 Jahre nach dem Ende von ‚‚Deutsch-Südwestafrika
Dienstag, 6. Oktober  2015, 20 Uhr 15 — Evangelische Studierendengemeinde (ESG),
Hindenburgstr.46

Nicht das Massaker an den Armeniern sei der erste Völkermord im 20. Jahrhundert gewesen, sagt Israel Kaunatjike vom Bündnis „Völkermord verjährt nicht!. Auch die Ermordung von 90.000 Herero in Namibia müsse als Genozid anerkannt werden. Namibia stand bis 1915 unter deutscher Kolonialherrschaft. Deutsche Soldaten haben 1904 bei Aufständen Tausende Afrikaner getötet, darunter viele Vertreter vom Stamm der Herero. Mindestens zwei Drittel des Herero-Volkes wurde nach der Niederschlagung ausgelöscht. Bis heute warten die Nachkommen auf eine offizielle Entschuldigung und eine angemessene Entschädigung. Kaunatjike – ein Nachfahre der Herero, der seit 1970 in Berlin lebt – weist darauf hin, dass die UNO bereits 1948 den Völkermord anerkannt hat. Er erwartet, dass die Bundesregierung nun ähnlich wie beim Völkermord an den Armeniern von einem Genozid an den Herero spreche. Im Gegensatz zu den Armeniern fühlen sich die Herero von der Regierung nicht ernst genommen, kritisiert Kaunatjike: „Wir werden diskriminiert und als Menschen zweiter Klasse behandelt.“

Urheberin: Dr. Pierrette Herzberger-Fofana

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