Währung und Auswanderung

Eingetragen bei: Gesellschaft, Öffentliche Sache | 0

— Währungsparität und illegale Auswanderung aus Afrika —

Einer der Gründe, warum viele junge Afrikaner und Afrikanerinnen nun ihre Heimat verlassen, ist zweifellos die stete Suche nach dem sogenannten europäischen Eldorado. Es gibt die legale und die illegale Auswanderung. Beide Formen der Auswanderung könnten oft gemeinsame Nenner aufweisen, aber gravierende und voneinander abweichende Rechtfertigungsfiguren beinhalten. Von der legalen Auswanderung der Afrikaner nach Europa wird hier nicht die Rede sein, wohl später in einem anderen Artikel. Man kann ja die Gründe näher betrachten und herausfinden, dass unterschiedliche Gründe genannt werden könnten. Dazu gehören die politischen, wirtschaftlichen, beruflichen, moralischen, religiöse und kulturellen Gründe. Mir geht es darum, nicht diesen Faktoren Rechnung zu tragen, sondern nur die Korrelation zwischen der Währungsparität zwischen Afrika und Europa zu skizzieren.

Der ungeeignete, unfaire und falsche Gebrauch des Begriffs „Wirtschaftsflüchtling“ aus europäischer Perspektive

Oft sprechen die Europäer von „Wirtschaftsflüchtlingen“, um jene Kategorie von Auswanderern zu bezeichnen, die wegen des wirtschaftlichen Misserfolgs in der eigenen Heimat nun sich freiwillig entscheiden, auf höhere Kosten und Risiken den europäischen Kontinent zu betreten, und zwar immer noch mit der Hoffnung darauf, ihre persönliche wirtschaftliche Situation zu verbessern. Man könnte sicherlich Vorbehalte gegenüber der Bezeichnung „Wirtschaftsflüchtling“ haben, weil diese Kategorie [der Auswanderer] nicht von irgendwelcher Institution zur Flucht gezwungen ist [sind], sondern ganz freiwillig die Entscheidung trifft, ihre vielleicht nicht so schlimm zu haltenden Einkommen zu steigern oder aufzubessern, indem sie nach neuen Einkommensmöglichkeiten suchen.

Die illegale Wirtschaftsauswanderung finanziert die europäische Wirtschaft

Diese Stereotypisierung wäre im Grunde falsch, unfair und ungeeignet, sofern manche nach neuen Einkommensquellen suchende Wirtschaftsauswanderer oft das eigene Vermögen verkaufen, um selbst ihre Reise zu finanzieren und um ihre Existenz vor dem Erhalt der angepeilten Einkommensquellen zu sichern. Mit der Finanzierung einer solchen Reise finanzieren sie auch die europäische Wirtschaft, indem sie Flugtickets bei europäischen Fluggesellschaften kaufen, die Visagebühren bei europäischen Botschaften zahlen und den europäischen Schleuserbanden eine Vergütung zuschanzen. Auf jeden Fall fließen beträchtliche Geldmengen, welche die Wirtschaftsauswanderer im Zuge der Liquidierung eigener Vermögen oder durch Schulden erworben haben,  in die europäische Wirtschaft.

Mittelmeermigranten und -migrantinnen.

Die Asymmetrie der Währungsparität könnte die afrikanische Wirtschaftsauswanderung legitimieren

Man könnte ja viel über andere Gründe der illegalen Auswanderung sprechen, aber der Hauptgrund für die Schwärmerei junger Afrikaner und Afrikanerinnen liegt in der Währungsasymmetrie. Die festgelegte Währungsparität zwischen dem Euro und einigen afrikanischen Währungseinheiten stellt aus meiner Sicht den Hauptgrund, weshalb diese Wirtschaftsauswanderung vor sich geht, dar. Denn die Generation der nun auswandernden Jungen ist  im Bewusstsein der Wirtschaftasymmetrie zwischen Afrika und Europa aufgewachsen. Das Verhältnis des Euros zu ihrer lokalen Währung beweist, dass Europa ein Eldorado wäre. Allein das Verhältnis des Euros zu den bestehenden afrikanischen Währungseinheiten spricht dafür, dass manche junge Afrikaner und Afrikanerinnen von  einer wirtschaftlichen Auswanderung träumen und danach streben.

Die Währungsparität führt zur Illusion

Afrikanische Wirtschaftsauswanderer spielen dann mit dem Gedanken, in Europa eine sehr große Geldsumme anzusammeln, um nun eigene Projekte zu Hause durchzuführen. Jedoch sieht es oft anders aus, auch wenn sie sogar Geld verdienen. Wie die Europäer müssen die Afrikaner  zuerst die Lebenshaltungskosten bestreiten; dann auch noch für die zu Hause zurückgebliebenen Verwandten sorgen, oft hohe Kosten für eventuelle Geldtransfers und Telefonate zahlen, Hürden in den mit ihren afrikanischen Familienmitgliedern begonnenen Projekten treffen, ihr Vermögen verlieren und bei Null anfangen, weil begonnene Projekte geplatzt sind oder wegen der instabilen politischen und wirtschaftlichen Umgebung kaum durchführbar sind.

Käme es zur symmetrischen Währungsparität zwischen Europa und Afrika, würde die Wirtschaftsauswanderung verschwinden

Wenn aber die eben erwähnte Währungsparität aufgrund der lokalen Produktion mit der bewussten Absicht der Erwerbung von Überschuss gegenüber Europa und mit der Erwirtschaftung fremder Devisen sowie mit der Schaffung lokaler Arbeitsplätze verbunden ist, dann werden junge Afrikaner die Wirtschaftsauswanderung hinauszögern und banalisieren. Sicherlich könnten Goldreserven afrikanischer Staaten und gute beziehungsweise stabile Löhne sowie

Afrikanisches Gold.

Marktmechanismen diese Parität gewährleisten. Eine Flexibilisierung der Parität könnte daran gekoppelt werden. Afrikanische Staaten haben hier zweierlei zu tun. Erstens: Sie könnten in ihren jetzigen Wirtschaftsblöcken eine eigene Währung schaffen, die weder an den Euro noch an irgendwelche fremde Währung gekoppelt ist. Dies setzt die Ankurbelung der lokalen Produktion und Verarbeitung von Rohstoffen, die Preisregulierung, die Förderung der innerafrikanischen Märkte, mit dem Ziel, innerafrikanische Absatzmärkte zu schaffen, voraus. Dies setzt ferner auch und stärker noch auch die Förderung innerafrikanischer Kommunikations-und Telekommunikationsmittel ebenso wie die innerafrikanische Kooperationsförderung voraus. Zweitens: Afrikanische Staaten könnten eine an Gold gekoppelte Währung schaffen, um deren Stabilität zu gewährleisten. Gerade hier könnte die Förderung von Gold als Rohstoff dazu dienen, die Goldreserven anzukurbeln, oder aber auch die erwirtschafteten fremden Devisen in Gold umzuwandeln. Der Rekurs auf den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank wäre darum begrenzt, weil durch eine genuine und diversifizierte Wirtschaftspolitik [der afrikanischen Staaten] genug Goldreserven und genug Devisen erkauft würden.

Die europäische Währungs- und Wirtschaftsasymmetrie umdenken

Selbstverständlich bestehen andere nötige Transformationen, die dazu führen könnten, dass die Währungsasymmetrie zwischen Afrika und Europa reduziert und sogar nullifiziert wird. Käme es zur Währungssymmetrie, dann gäbe es keine Faszination afrikanischer Jugend für das verpönte Eldorado mehr. Bestimmt werden sehr viele europäische Visastellen deswegen verschwinden, weil wenige Afrikaner und Afrikanerinnen einen Antrag auf ein europäisches Visum stellen werden. Für Europa würde die Ebnung der Währungsasymmetrie mit Afrika mit einem Verlust von  Einkommen und Arbeitsplätzen verkoppelt. Für Afrika geht eine neue Verhandlung mit Europa nur in gute Richtung, wenn afrikanische Staaten geschlossen auftreten. Es wäre an der Zeit, dass der europäische Kontinent seine Kooperation mit Afrika umdenkt — und zwar im Sinne der Revision der Währungsparität –, will der Alte Kontinent nun dem Auswanderungsdruck vorbeugen. Die Erfahrung lehrt aber, dass jede Asymmetrie zwischen Afrika und Europa dazu gedacht war und ist, ewige und nicht unüberwindbare Grenzen zwischen den beiden Nachbarkontinenten zu schaffen und zu verschärfen. Dazu gehört die Währungsasymmetrie. Aber die Geschichte lehrt auch, dass auch mit der inhumanen Entwertung afrikanischer Währungseinheiten in ihrem Verhältnis zum Euro die  Wirtschaftsauswanderung nicht zurückgegangen ist; vielmehr hat man bislang eine steigende Tendenz erlebt.

Urheber: Dr. Pierre Kodjio Nenguie — Montreal, Kanada

 

Urheber dieses Beitrages: Dr. Pierre Kodjio Nenguié, PhD.

Dr. Pierre KODJIO NENGUIÉ  (*1965) hat in Jaunde, Saarbrücken und Münster studiert. 2003 wurde er Ph.D (Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Universität Münster und Universität Jaunde I ). In den Jahren 2006-2008, 2012 und 2015 war er Humboldtstipendiat ( an der Universität  Münster und der Freien Universität Berlin). Im Jahre erlangte er 2013 den Magister in Erziehungswissenschaft (Didaktik) an der Universität von Montreal. Er ist Lehrer und Leiter des „CSRCE“ ( „Centre de Soutien, Recherche et Coopération en Éducation“). Er lebt im kanadischen Montreal. Außerdem ist er Autor mehrerer Bücher und Beiträge im Bereich der Literaturwissenschaft und auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften sowie Mitherausgeber des Online-Magazins „Der Welt-Leuchter“  (http://welt-leuchter.info) und Mitglied des Humboldtkollegs (Kamerun).

 


Print pagePDF pageEmail page
Bitte mögen & weitergeben:

Hinterlasse einen Kommentar