Kinder auf der Flucht

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Kinder auf der Flucht —

Wohin geht die Reise für minderjährige Flüchtlinge? —

 

Christine Kamm ( MdL, links), Dr. Pierrette Herzberger-Fofana ( Stadträtin, mittig) und Elisabeth Springer ( Leiterin SOS Kinderdorf Region Süd-Ost, rechts).
Christine Kamm ( MdL, links), Dr. Pierrette Herzberger-Fofana ( Stadträtin, mittig) und Elisabeth Springer ( Leiterin SOS Kinderdorf Region Süd-Ost, rechts).

Am 12. Februar 2016 luden die Abgeordneten derGrünenim bayerischen Landtag Christine Kamm ( Flüchtlings- und Asylpolitische Sprecherin),  Kerstin Celina (Sprecherin für Arbeitsmarkt und Sozialpolitik) sowie die Grünen-Bundestagsabgeordnete Beate Walter-Rosenheimer  zu einer Tagung ein. Der  Titel dieser Veranstaltung lautete: „Minderjährige auf der Flucht – Wohin geht die Reise?“  .

Aus ganz Bayern kamen in die Landeshauptstadt München Gäste aus der Praxis, wie Elisabeth Springer vom SOS-Kinderdorf Region Süd-Ost, Gerhard Größ von der Rummelsberger Diakonie und Klaus Schenk vom bayerischen Sozialministerium.

Diese Referenten  konnten in ihren Impulsreferaten  über ihre Erfahrungen berichten und auf die verschiedenen Fragen der ehrenamtlichen Helfer, interessierten Menschen sowie Politiker der verschiedenen Landkreise eingehen.

Die alarmierende Situation der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMF) war für die bayerischen „Grünen“ im Landtag der Anlaß, ein Fachgespräch mit Experten zu veranstalten.

Zurzeit leben 67.883 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) in Deutschland. Davon sind knapp 18.000 derzeit in Bayern, die meisten von ihnen in grenznahen Städten und auf alle  Kommunen verteilt. Ein neues Gesetz, das am 1. November 2015 in Kraft trat, soll die Situation in besonders betroffenen Städten lockern, da nun alle Jugendämter in Deutschland die Kinder und Jugendlichen aufnehmen sollen. Doch wie funktioniert die Verteilung? Wie viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge können tatsächlich in anderen Kommunen versorgt werden? Entspricht die Versorgung einer optimalen Betreuung? Welche Zukunftschance haben die Jugendlichen?

Sind alle Jugendämter auf diese Aufgabe vorbereitet? Und was bedeutet das neue Gesetz für das Wohl der Kinder und Jugendlichen? Welche Auswirkungen hat die Absenkung der Standards auf die Qualität der Jugendhilfe? Es entfachte sich eine rege Diskussion, zumal da es unter den Teilnehmern etliche Kinderärzte

Margarete Bause (Fraktionsvorsitzende der "Grünen" im Bayerischen Landtag, ganz rechts), Beate Walter-Rosenheim ( Bundestagsabgeordnete der "Grünen", hinten links) und Grünen-Politikerinnen.
Margarete Bause (Fraktionsvorsitzende der „Grünen“ im Bayerischen Landtag, ganz rechts), Beate Walter-Rosenheim ( Bundestagsabgeordnete der „Grünen“, hinten links) und Grünen-Politikerinnen.

gab, die die geflüchteten Kinder und Jugendlichen betreuen oder medizinisch behandeln. Die Herabsenkung der medizinischen Standards ist ein Dorn im Auge des Fachpersonals. In der Tat fürchten die Kinderärzte, dass die „Kurzscreening“- Methode oder  „Augenschein“-Untersuchungen und ein  einziges Fachgespräch oft ohne Dolmetscher ihre Arbeit erschweren, um die Zustimmung der Jugendlichen bei bestimmten  Maßnahmen — wie z.B. Impfungen — einzuholen.

Unsere Turnhalle ist voll und unsere Clearingstelle leer

Seit November vergangenen Jahres gilt das „Gesetz zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher„. Dies sieht eine „vorläufige Inobhutnahme“ von Kindern und Jugendlichen an ihrem Ankunftsort für maximal zwei Wochen vor und anschließend eine bundesweite Umverteilung nach Quotenregelung.

Die Realität sieht derzeit anders aus. „Bei uns warten die jungen Menschen vier bis sechs Wochen darauf, wie es weitergeht„, erklärte Gerhard Größ, Leiter der Clearingstelle in Wasserbug am Inn. „Während wir vor dem 1. November 2015 zeitnah und für die Jugendlichen transparent in Clearinggesprächen ermitteln konnten: Wie geht es räumlich, rechtlich und sprachlich weiter und zudem eine ärztliche Untersuchung anbieten konnten, gibt es jetzt bei der vorläufigen Inobhutnahme nur ein einziges Gespräch, monierte Größ.

Obwohl das Know-how mittlerweile in Städten wie München, Rosenheim und Passau vorhanden sei, werde dieses Wissen nicht genutzt und die jungen Flüchtlinge würden zunächst durch fehlende Informationen und Untätigkeit verunsichert, um anschließend in Bundesländer mit schlechterer Grundversorgung gebracht zu werden.“Derzeit ist unsere Turnhalle voll und unsere Clearingstelle leer“, sagte  Größ.Vor allem für traumatisierte Jugendliche werde die Situation immer prekärer und sei nicht hinnehmbar, empörte er sich. “ Es hängt von der Postleitzahl ab, wie die Jugendlichen untergebracht und betreut werden„, kritisierte Beate Walter-Rosenheimer.

Kerstin Celina (MdL) im Gespräch mit zwei Teilnehmerinnen.
Kerstin Celina (MdL) im Gespräch mit zwei Teilnehmerinnen.

Klaus Schenk (vom Sozialministerium) überraschte das Publikum, als er  von fehlenden oder häufig sehr jungen, unerfahrenen Fachkräften berichtete, die eine solche verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen. Er plädierte für ein  „vernünftiges Basisangebot für alle Jugendlichen„. Christine Kamm betonte hingegen: „Die Jugendlichen brauchen individuelle Entscheidungen“ ; außerdem plädierte sie für ein am Bedarf orientiertes System.

Jugendhilfeleistung endet mit 18 Jahren

Eine Schwierigkeit bei der langfristigen Versorgung minderjähriger Flüchtlinge ist das Ende der Jugendhilfeleistung mit 18 Jahren. „Wir haben in Schwaben viele Jugendliche erfasst, die bereits gute Sprach- und Integrationsleistungen erbracht haben und einen Schulabschluss aufweisen, aber wenn sie 18 sind, gehen uns ganz viele verloren.Denn dann müssen sie in Sammelunterkünfte“, berichtete Christine Kamm.Es sei denn, für einen jungen Flüchtling würde Jugendhilfebedarf angemeldet; eine Entscheidung, die vom Jugendamt zu treffen ist. Der Bezirk als Kostenträger überprüft dann, ob er die Kosten übernimmt“, erklärte sie weiter.

Der Jugendhilfebedarf wird  von Region zu Region sehr unterschiedlich eingeschätzt“, bedauerte Elisabeth Springer (vom SOS Kinderdorf). Sie erklärte ausdrücklich, dass vor allem für junge Berufseinsteiger eine gute Unterkunft den erfolgreichen Schul- und Berufsabschluss begünstigen würde. „Es sollte keine Jugendhilfe 2. Klasse geben“, forderte Springer.

 

Urheberin: Dr. Pierrette Herzberger-Fofana — Erlangen, Deutschland

 


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