Deutsche Kolonialpolitik (I)

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— Afrika als kolonialer Erinnerungsort der Deutschen – Teil 1:

 Die intellektuellen Debatten um die deutsche Kolonialpolitik —

Das Deutsche Reich ist unwiderruflich als Kolonialmacht in die Weltgeschichte eingegangen. Diesen zweifelhalten und fraglichen Ruf hat es nicht zuletzt seinen damaligen Territorialbesitzungen in Kamerun, Ostafrika (heute Tansania), Südwestafrika (heute Namibia) und Togo zu verdanken. Obgleich die Kolonialherrschaft immerhin dreißig Jahre (1884-1918) dauerte, ist deren Erinnerung insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg bei vielen Deutschen längst verloschen. Die Dauerbeschäftigung seit 1945 mit den brutalen Erlebnissen und Erfahrungen während der nationalsozialistischen Diktatur rief eine prinzipielle Tendenz zur Verdrängung anderer historischer Epochen und Ereignisse einschließlich der kolonialen Vergangenheit hervor. Trotzdem wurde der Frage der deutschen Verstrickung in die Kolonisierung Afrikas nicht ganz ausgewichen. Diese Debatte, die nicht verstummt ist, entzweit sogar die Forscher: Den Geschichtspatrioten, die als dezidierte Apologeten der europäischen Zivilisation wie auch des deutschen Nationalismus auftreten, stehen dabei den Geschichtshumanisten gegenüber, die die territoriale Annexion afrikanischer Gebiete kompromisslos anprangern und Deutschland auf die gleiche Stufe wie andere Kolonialmächte stellen.

Die Geschichtspatrioten vertreten ihrerseits eine eurozentrisch-extremistische und zugleich sehr widersprüchliche Position: Einerseits gehen sie vom Prinzip einer homogen europäischen Zivilisation gegenüber sehr heterogenen und fragmentären Lebenswelten Afrikas aus, die nach ihrer festen Überzeugung den Europäern sehr fremd und verschlossen sind. Sie betrachten jede Form kolonialen Eingreifens in Afrika als einziges geeignetes Mittel zur Verbreitung und Durchsetzung der europäischen Zivilisation. So hatte auch Deutschland nach Ansicht der Geschichtspatrioten lediglich seinen zivilisatorischen Beitrag geleistet. Andererseits waren die Deutschen für die Patrioten unglückliche Opfer der kolonialen Geschichte, insofern sie alle ihre Überseegebiete durch die Kriegsniederlage verloren und damit ihren Zivilisationsauftrag nicht mehr vollständig erfüllen konnten. 

Zur Kategorie der Geschichtspatrioten gehören ebenso Wissenschaftler wie Reiseabenteurer,Geschäftsmigranten und Missionare, deren Bücher fast nur über bravouröse und heroische Leistungen der Deutschen in den Kolonien berichten. Sie führen das Scheitern der gesamten Zivilisationsmission Europas ausschließlich auf die Heterogenität der Kulturen und Völker Afrikas zurück. Die Geschichtspatrioten erwähnen nicht einmal die gravierendsten Fehler der Kolonialpolitik, wie etwa Völkermorde, Zwangsarbeit, Landenteignung, Vertreibung, Ausbeutung etc., sondern klammern sie einfach aus. Sie haben auf diese Weise ein monolithisches System der Vergangenheitsverdrängung sowie der Verharmlosung des Kolonialismus und des Unrechtsexorzismus konstruiert, mit dem sie jede Form der wissenschaftlichen Objektivität entweder verfälschen oder dem eurozentrischen Subjektivismus stets unterwerfen.

Die Geschichtshumanisten haben in den letzten Jahren sehr brillante und wertneutrale Studien vorgelegt, die den europäischen und teilweise afrikanischen Erkenntnisinteressen Rechnung tragen. Ihnen ist es größtenteils zu verdanken, dass immer mehr junge Menschen die kolonialen Geschehnisse nicht mehr nur mit zynischen Metaphern deuten.

Für die Humanisten hingegen ist das Deutsche Reich zwar nicht seit seiner Proklamation 1871, wohl aber von der Berliner-Konferenz 1884/85 an bis zum Ende des Ersten Weltkrieges 1918 unbestritten eine Kolonialmacht. So plädieren sie dafür, die Erinnerungsdebatten ideologiefrei und ohne überzogenes patriotisches Gefühl zu führen, damit die koloniale Phase als untrennbare Epoche deutscher Geschichte ins Bewusstsein der Menschen eindringt. In ihren Untersuchungen eruieren die Humanisten manche Realitäten des Kolonialismus und gehen sogar obszönen Fragen nach, ohne dabei die Schuld Deutschlands an den in Afrika verübten Verbrechen und Grausamkeiten zu verschleiern.

Die Geschichtshumanisten haben in den letzten Jahren sehr brillante und wertneutrale Studien vorgelegt, die den europäischen und teilweise afrikanischen Erkenntnisinteressen Rechnung tragen. Ihnen ist es größtenteils zu verdanken, dass immer mehr junge Menschen die kolonialen Geschehnisse nicht mehr nur mit zynischen Metaphern deuten. Sie haben damit ihre Konsequenzen aus der archaisch-eurozentrischen Geschichtsaufarbeitung und dem damit einhergehenden Prinzip der Unterordnung der Objektivität unter das patriotische Gefühlsdenken gezogen. Den Geschichtshumanisten kommt nicht zuletzt das Verdienst zu, dass der Kolonialismus nicht nur allmählich in die aktuellen Erinnerungsdebatten einbezogen wird, sondern auch zu einem interdisziplinären Forschungsfeld geworden ist, an dem auch Philosophen, Linguisten und Ethnologen mit unterschiedlichen Methoden und Positionen gemeinsam arbeiten. Daraus scheint sich eine veritable Erinnerungswissenschaft mit folgenden Funktionen zu entwickeln:

(a) Eine synthetisch-kommunikative Funktion, darin bestehend, die negativen und positiven Momente der Kolonialepoche so zu bilanzieren und zu rekonstruieren, dass sie in einem überschaubaren Interpretationsschema präsentierbar sind;

(b) eine retrospektive Funktion, die eine nachvollziehbar chronologische Rückschau auf die kolonialen Geschehnisse ermöglicht;

(c) und eine prospektive Funktion, die darauf zielt, den Kolonialismus beständig weiter zu erforschen, damit er auch in Zukunft nicht aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschen verschwindet. 

Allgemein waren die Einstellungen der Deutschen zur kolonialen Geschichte schon zu Zeiten der deutschen Teilung (1949 – 1990) immer weniger rational als emotional und wandelten sich mithin dauernd durch die medialen Berichte. Doch auch die Bedeutung, die dem Kolonialismus gegenwärtig zugemessen wird, hängt im Wesentlichen von dem durch die Informations- und Kommunikationsmedien vermittelten Afrikabild ab. Aus der aktuellen Situation heraus lässt sich ableiten, dass die Deutschen mit kolonialem Erinnerungsbewusstsein ein trivalentes Verhältnis zu Afrika haben: 

Deutsche Brücke in Edea, Kamerun.

– Erstens bleibt Afrika für die Deutschen ein unvergessener Kontinent, insofern seine bis heute geltende geographische Teilung 1884/1885 in der deutschen Hauptstadt Berlin vollzogen wurde. Dieses historische Ereignis, das sich im Gedächtnis der geschichtsbewussten Deutschen fest eingegraben hat, bestimmt teilweise ihre emotionale Einstellung zu Afrika;

– Zweitens verdankt Deutschland seinen historischen Ruf als Kolonialmacht seinen überseeischen Besitzungen — insbesondere in Afrika. Deutsche, die sich dieser Tatsache bewusst sind, haben eine hohe Sensibilität für die Probleme in Kamerun, Namibia, Tansania und Togo und engagieren sich sehr stark für Afrika;
– Drittens ist Afrika der Ort, an dem das Deutsche Reich durch den Verlust seiner Kolonien während des Ersten Weltkriegs seine vermeintlich schwerste und gravierendste Schwäche in der Weltpolitik offenbarte. In Erinnerung an diese bittere Erfahrung haben alle deutschen Regierungen bislang immer eine zögerliche und sehr zurückhaltende Position zu jedem außenpolitischen oder militärischen Engagement insbesondere in Afrika — eingenommen.

Dass aber die koloniale Frage bisher ohne aktive Mitwirkung der Regierungsparteien diskutiert wurde, hängt zweifellos mit ihrer Angst vor der Übernahme der damit verbundenen Verantwortung für mögliche Reparationsforderungen aus Afrika zusammen.

Diese drei Aspekte bilden jedenfalls die prägnantesten Momente der deutschen Erinnerungen an Afrika als kolonialen Schauplatz. Was zwischen 1918 und 1945 als Grund für die Vergangenheitsverdrängung galt, nämlich das Schamgefühl, ausgelöst nicht durch die Verbrechen an Afrikanern, sondern durch die Unterlegenheit gegenüber England und Frankreich im Wettkampf um die Kolonien, sollte in einem vereinten Europa eigentlich keine Legitimation mehr haben. Dass aber die koloniale Frage bisher ohne aktive Mitwirkung der Regierungsparteien diskutiert wurde, hängt zweifellos mit ihrer Angst vor der Übernahme der damit verbundenen Verantwortung für mögliche Reparationsforderungen aus Afrika zusammen. Doch es geht in Wirklichkeit weniger um eine feierliche Anerkennung des Genozids, z.B. an den Hereros, (Herero- und Nama-Krieg 1904-1908), als um die einfache Bereitwilligkeit zur Einsicht und zur Verurteilung des vom Deutschen Reich konstruierten Unrechtssystem der Diskriminierung und Vernichtung der eigenen (indigenen) Bevölkerung in den zwangsannektierten Überseegebieten Afrikas.

Die zukünftigen Bundesregierungen wären daher gut beraten, die Erinnerungsdebatten nicht weiter zu entpolitisieren oder in die entwicklungspolitischen Auseinandersetzungen zu verlagern. Sie sollen gerade vor dem Hintergrund des zunehmenden Respekts für Deutschland in der globalen Welt den Mut haben, die Verantwortung für die historischen Verbrechen der früheren Generationen zu übernehmen. Dazu gehört die Bereitstellung ausreichender Fördermittel zur Ermutigung der Künstler und Wissenschaftler, um alles zu zeigen, zu schreiben und zu erzählen, was in der Kolonialzeit den Afrikanern tatsächlich angetan wurde. Denn nur auf diese Weise kann die Erinnerungsarbeit alle Bevölkerungsschichten erreichen und bewirken, dass die Forderungen nach Gedenkstätten für die Opfer der deutschen Kolonialpolitik in Afrika eine breite Zustimmung finden.

Es macht daher keinen Sinn, individuelle Denkmäler für die einzelnen Widerstandskämpfer Rudolph Duala Manga Bell (1873 – 1914) und Martin Samba (ca. 1875 -1914) aus Kamerun, Samuel Maharero (1856-1923) und Hendrik Witbooi (ca. 1830-1905) aus Namibia, Mkwavinyika Munyigumba Mwamuyinga (1885 – 1898) aus Tansania etc. zu errichten, die kaum ein Mensch in Deutschland kennt. Der Erinnerungsarbeit würde man in diesem Falle nur sinnvollen historischen Wert verleihen, wenn man keiner individuellen Personen oder ethnischen Gruppen, sondern vielmehr aller gefallenen Kameruner, Namibier, Tansanier und Togolesen zusammen gedenken würde.

Ging die deutsche Kolonialeroberung auf den Impuls von Geschäftsmigranten zurück, was auch bei den Engländern und Franzosen lange Zeit der Fall war, so wurde sie jedoch ab 1884 zu einem gesamtdeutschen Problem. Vor diesem Hintergrund ist es durchaus berechtigt, an die Kolonisierung Afrikas als eine eminente Phase deutscher Geschichte zu erinnern und dieses Wissen so zu bewahren, dass es im kollektiven Gedächtnis der Deutschen dauerhaft seinen festen Platz bekommt.

[Fortsetzung folgt – kommt noch]

Urheber: Dr.Dr. Jacob Emmanuel Mabe — Berlin, Deutschland
Professor Jacob Emmanuel Mabe — Berlin, Deutschland

Dr.Dr. Jacob Emmanuel Mabe ist Professor für Philosophie und Gastwissenschaftler am Frankreich-Zentrum der FU Berlin sowie Gastprofesssor an den Universitäten Libreville (Gabun) und Kabale ( Uganda). Er ist ein sehr produktiver Wissenschaftler und Gelehrter. Er ist der Herausgeber der ersten Afrika-Enzyklopädie — welche ein Nachschlagewerk ist — in deutscher Sprache: „Das Afrika-Lexikon – Ein Kontinent in 1000 Stichwörtern“, J.B. Metzler 2004. Professor Mabe ist Präsident der Anton-Wilhelm-Amo-Gesellschaft e.V. Er hatte an den Universitäten Aachen und Frankfurt am Main gelehrt, bevor er nach Berlin umzog, um an den drei Universitäten der deutschen Hauptstadt zu lehren.

 

 

 

 

 

 


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